Holsteinischer Courier, 26.04.2007 von Gabrielle Vaquette:

Aids-Hilfe ist Lebensbegleitung

15 Jahre Aids-Hilfe Neumünster / Aidspastor Rainer Jarchow referierte
Neumünster/vaq


– Vor zehn Jahren galt die Diagnose Aids und HIV-positiv als Todesurteil. Nach dem Ausbruch lebten die Kranken mit Glück noch ein knappes Jahr. Seit einigen Jahren hat sich der Verlauf gewandelt: Medikamente bewirken, dass es inzwischen immer mehr Langzeitüberlebende gibt.

Von den Anfängen der Arbeit mit Betroffenen, von Vorurteilen, Kämpfen, den Problemen der Prävention und Herausforderungen berichtete eindrucksvoll ein langjähriger Streiter in puncto Aids. Zum Auftakt der Veranstaltungsreihe zum 15-jährigen Bestehen der Aids-Hilfe Neumünster war der ehemalige Aids-Pastor Rainer Jarchow am Dienstagabend in der Gerisch-Galerie.

„Ich möchte mir Dir über meine Beerdigung reden.“ Unglaublich bewegend seien die Begegnungen mit Aidskranken wie dem 30-jährigen Hannes gewesen, sagt Jarchow. 1986 war er der bundesweit erste psychosoziale Berater für Aids im Gesundheitsamt Köln und arbeitete dann zehn Jahre lang bis 2004 als „Pastor für Menschen mit Aids und HIV“ in Hamburg. Jarchow baute die Aidshilfe Köln auf.

In Hamburg begleitete Jarchow 400 Aidskranke bis in den Tod; noch heute ist der 65-Jährige in der Deutschen Aids-Hilfe tätig. Viele Vorurteile gab es. „Du also bist einer von den Schweinen, die das Virus eingeschleppt haben“, zitiert Jarchow Vorurteile eines Amtsarztes in den 80er Jahren gegenüber einem Patienten. Noch vor vier Jahren verbot eine Frau einer Pflegekraft, ihre Mutter zu betreuen, weil diese danach zu einem Aidspatienten ging.

Leider sei wieder mehr Gleichgültigkeit dem Thema gegenüber in der Öffentlichkeit zu beobachten. Aids sei immer noch tödlich, doch Medikamente verlängerten das Leben. Es gebe Aidskranke, die seit 20 Jahren mit dem Virus lebten, sprach Jarchow von „Neu-Aids“. Angesichts dieser Tatsache laute jetzt die Aufgabe: „Lebensbegleitung“. Viele HIV-Positive litten unter materiellen Problemen: „Wer in Deutschland chronisch krank ist, ist arm dran.“ Vor allem bei Jüngeren greife das soziale Netz nicht. Bei älteren Betroffenen wie bei einer „Veteranengruppe“ in Hamburg sei das „Survivor-Syndrom“ zu beobachten: „Diese Menschen haben Schuldgefühle, warum gerade sie überleben, und sie haben Suizidtendenzen.“ Die Prävention sei
heutzutage vor ein Dilemma gestellt. „Steck Dich nicht an, sonst stirbst Du, galt früher.“

Und wo landen die alten Aidskranken? Im Altersheim. Dorthin wollte auch ein 67-Jähriger aus Hamburg, so Jarchow. Doch die Aufnahme wurde abgelehnt: „Es hieß: Wir sind noch nicht soweit.“ Jarchow: „Die neue Zielgruppe für Aufklärung sind die Altersheime.“


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