Holsteinischer Courier, 4.12.2006 von Gabrielle Vaquette:

Aids: Kein Grund zur Entwarnung

Gottesdienst, Lesung, Spendensammlung und Aufklärung zum Welt-Aids-Tag

Neumünster/vaq – Sie ist nach wie vor eine tödliche Krankheit. An der Immunschwäche Aids sterben Tausende auf der Welt, die Neuinfektionen steigen. Vor allem bei Jüngeren und schwulen Männern herrsche erschreckende Sorglosigkeit, warnten Torsten Kniep, Vorsitzender der Aids-Hilfe Neumünster, und Stefan van der Elst, Aids-Fachkraft der Stadt Neumünster. Zum Welt-Aids-Tag fanden ein Gottesdienst, eine Lesung von Inge Rohwer sowie der Verkauf von Teddys und Aidsschleifen, auch als Gebäck, statt.
Es gibt keinen Grund zur Entwarnung: 56000 HIV-Infizierte leben in Deutschland, die Zahl der Neuinfektionen stieg auf etwa 2700. „In den 90er Jahren waren es 1500 bis 1900“, wies van der Elst auf den dramatischen Anstieg hin. In Schleswig-Holstein leben 1100 HIV-Kranke, etwa 60 Neuinfektionen gab es 2006, schätzt das Robert-Koch-Institut. Der einzig wirksame Schutz gegen Aids sind Kondome, Prävention vor allem bei Jüngeren ist extrem wichtig. Doch das Thema sei nicht mehr präsent, bemängelte Kniep fehlendes Engagement von Schule und Eltern. Prävention sei aufgrund gekürzter Mittel von der Aidshilfe nur noch ansatzweise zu leisten. Ähnlicher Tenor bei van der Elst: Es gäbe kaum noch Multiplikatorenschulungen.
Zu begrüßen sei das neue Präventionskonzept der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der Aidshilfe, das 2007 geplant ist. Ein Hauptziel müsse „safer sex“ sein. Die Kondomakzeptanz sei bei Jüngeren deutlich gesunken, so van der Elst. Dramatisch in diesem Zusammenhang sei der Anstieg von Krankheiten wie Syphilis, Tripper und Hepatitis C. „Gemeinsam gegen Aids – wir übernehmen Verantwortung für uns selbst und für andere“: Unter diesem Motto fand in der Anscharkirche der Gottesdienst zum Welt-Aids-Tag statt. 25 Prozent der Bevölkerung Südafrikas sei HIV-infiziert, berichtete Propst Stefan Block von einer Reise und erzählte von den Frauen, die gemeinsam am „Ekupholeni“ (Ort der Heilung) ihre Aids-Toten betrauerten. Eine Holzperlenkette sei für diese Frauen ein Symbol des heilsamen Zusammenhalts.
 

Kommentar

Verantwortung übernehmen

Von Gabriele Vaquette


Es ist unglaublich und traurig. Die Öffentlichkeit – zumindest die deutsche – ist eigentlich bis ins letzte Detail aufgeklärt. Aber das Thema ist immer noch nicht ad acta: Aids ist immer noch auf dem Vormarsch, die Zahl der Neuinfektionen steigt dramatisch. Dabei ist es so einfach: Kondome benutzen, „safer sex“ betreiben. Jeder neue Partner, ob hetero- oder homosexuell, kann ein tödliches Risiko sein. Es kann doch nicht so schwierig sein, beim Kennenlernen das wichtige Wörtchen „Kondome“ ins Spiel zu bringen, beiläufig, aber ganz selbstverständlich. Aids sei ein Tabuthema, bedauert der Bundesvorsitzende der Aidshilfe. Kaum zu glauben in einer Zeit, in der vor allem zu später Stunde im Fernsehen so ziemlich alles zu sehen ist, ob man es sehen will oder nicht.
Ist Aids kein Thema mehr im aufklärenden Gespräch zwischen Eltern und Kindern oder in der Schule? Verantwortung heißt, dies zur Sprache zu bringen. Verantwortung heißt, auch im entscheidenden Moment zu dem kleinen, aber wichtigen Utensil zu greifen. Diese grundlegende Lektion muss wieder zum Pflichtstoff werden. Damit Männer und Frauen sich danach entspannt anderen Dingen widmen können, ohne um ihr Leben fürchten zu müssen.
 

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